KI in der Bildbearbeitung – Werkzeug oder Kontrollverlust?

Michael Light · 23. Juli 2026 · Photoshop, KI

Wann ist KI mehr als nur ein Werkzeug?

Kaum erwähnt man „KI“ und „Bildbearbeitung“ im selben Satz, gehen die Meinungen auseinander – und zwar heftig. Dabei ist das Thema so vielschichtig, dass ein simples Ja oder Nein ihm eigentlich gar nicht gerecht wird. Wer anfängt, die Argumente aufzudröseln, landet früher oder später unweigerlich beim Thema Urheberrecht – oder bei dem katastrophalen ökologischen Fußabdruck, den KI-Modelle hinterlassen. Beides absolut berechtigt, beides absolut wichtig und für die meisten auch gleich das absolute K.O. Kriterium. Trotzdem möchte ich genau diese beiden Argumente in diesem Artikel bewusst außen vor lassen – allein schon deshalb, weil er sonst nach diesem Absatz schon zu Ende wäre.

Alternativ könnte man natürlich auch eine Diskussion über den Energieverbrauch von Heim-PCs im Vergleich zur optimierten Leistung eines Rechenzentrums führen – unter Berücksichtigung der Zeitersparnis je nach Komplexität der Aufgabe, versteht sich. Oder über die feinen ethischen Unterschiede zwischen verschiedenen Trainingsmodellen und deren Lizenzierungsfragen. Mal ehrlich – wer will das lesen? Entweder ist es stinklangweilig, oder purer Ragebait. Beides möchte ich uns an dieser Stelle ersparen.

Was mich stattdessen interessiert: Was kann KI in der Bildbearbeitung eigentlich – und ab welchem Punkt ist der Künstler weniger Künstler als vielmehr Dirigent? Architekt? Regisseur? Irgendwo zwischen „ich bearbeite mein Bild“ und „ich beschreibe, was ich mir vorstelle“ liegt eine Grenze. Wo genau, das ist die eigentlich spannende Frage.

Kürzlich habe ich eine Umfrage in meiner kleinen Instagram-Community gemacht, und das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Gerade mal 1% steht KI in der Bildbearbeitung begeistert gegenüber. Zwei Drittel finden KI für kleinere Korrekturen akzeptabel, lehnen aber generative KI klar ab, während das restliche Drittel die Verwendung von KI in ihren Bildern komplett ablehnt. Interessant dabei: Ausgerechnet die „kleinen Korrekturen“, die so viele noch durchgehen lassen, sind eigentlich genau der Punkt, den ich persönlich sehr kritisch sehe – aber dazu später mehr.

Irgendwo zwischen „ich bearbeite mein Bild“ und „ich beschreibe, was ich mir vorstelle“ liegt eine Grenze.

Außerdem stelle ich mir die Frage: Wie repräsentativ sind solche Zahlen überhaupt? Wer von den Teilnehmenden an der Umfrage hat sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt? Wer kennt Photoshop gut genug, um beurteilen zu können, wo KI tatsächlich Sinn macht – und welche Aufgaben sich ohne Weiteres längst mit Boardmitteln lösen lassen? Eine Meinung bildet sich schnell, erst recht wenn Schlagzeilen die Runde machen oder die allgemeine Stimmung in eine bestimmte Richtung zieht. Das ist keine Kritik – das ist menschlich, doch genau deshalb möchten wir das Thema hier so neutral wie möglich betrachten.

KI dort, wo klassische Werkzeuge an ihre Grenzen stoßen

Bevor wir darüber sprechen, was KI kann und wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann, beginnen wir doch erstmal am anderen Ende. Nämlich da, wo KI meiner Meinung nach eben nicht hingehört – und da kommen wir zu den eigentlich so sehr geliebten „kleinen Änderungen“. In der Regel sind die kleinen Änderungen genau das, wo man bei der Nutzung von KI mit Kanonen auf Spatzen schießt. Eine simple Farbkorrektur hier, ein störendes Objekt entfernen dort – Photoshop macht das seit Jahren blind im Schlaf. Dazu braucht man keine KI. Wer für einen simplen Weißabgleich oder eine Kurvenanpassung auf KI zurückgreift, hat vielleicht schlicht zu viele YouTube-Videos geschaut. KI macht dort Sinn, wo klassische Werkzeuge an ihre Grenzen stoßen – nicht als Ersatz für das, was Photoshop ohnehin kann.

Natürlich steckt der Teufel wie immer im Detail. Ein gutes Beispiel dafür ist das berühmte Haargummi am Handgelenk. Wer meinen Artikel zur Shooting-Vorbereitung kennt, weiß: Vorher besser aufpassen ist sowieso immer die bessere Lösung. Aber gehen wir einmal davon aus, dass wir nicht aufgepasst haben und den Fehler nun korrigieren müssen. Eine Kleinigkeit, oder? Das Haargummi grob ausgewählt, eine inhaltsbasierte Füllung, vielleicht noch ein paar korrigierende Klicks mit dem Reparaturpinsel – und das Thema ist erledigt. Ganz ohne KI, nur mit dem, was Photoshop von Haus aus kann. Aber wie sieht es aus, wenn dasselbe Haargummi auf einem Tattoo liegt, auf gemustertem Stoff, oder auf einer komplexen Textur? Hier gerät die klassische Retusche schnell an ihre Grenzen – und genau da macht KI den Unterschied. Nicht weil sie cooler ist, sondern weil sie das Problem tatsächlich besser und vor allem wesentlich schneller löst.

Ich selbst nutze in meinem Workflow nur sehr wenig KI und extrem gezielt. Ob Rauschreduzierung, Nachschärfen oder das Hochskalieren von Bildern – das sind Bereiche, in denen man früher oft mit unbefriedigenden Kompromissen leben musste. Wer schon mal versucht hat, ein Bild ohne Qualitätsverlust zu vergrößern, weiß wie frustrierend das war. Wenn man sich dagegen die heutigen Ergebnisse einer KI anschaut, ist das schon verblüffend.

Auch das Erweitern des Hintergrunds ist für mich ein absoluter Gamechanger. Wie oft hat man ein Model im perfekten Moment erwischt, in dem die Haare im Wind wehen, die Mimik stimmt und der Fokus liegt gestochen scharf auf dem Auge. Leider hat man den Bildausschnitt verhauen und es fehlt einfach Hintergrund an der richtigen Stelle und er lässt sich, zum Beispiel aus perspektivischen Gründen, nicht durch partielles Skalieren erweitern. Da war man früher froh, wenn man ein ähnliches Bild mit etwas mehr Hintergrund hatte und mit etwas Arbeit wurde aus zwei Bildern eins. Heute zieht man den Bildrahmen so weit größer, bis der Ausschnitt funktioniert und im Handumdrehen wird der Hintergrund ergänzt.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Retuschealltag ist ein Klassiker aus dem Cosplay-Bereich: der Perücken-Haaransatz an der Stirn. Mal künstlich gerade, mal ist das unterliegende Netz noch halb sichtbar. Früher bedeutete das Kleinstarbeit – einzelne Haare in mühevoller Handarbeit gemalt, um die Übergänge zu kaschieren. Heute: eine Auswahl treffen, ein Klick, ein paar Sekunden warten. Fertig.

Von der Korrektur zur Schöpfung

„KI in der Bildbearbeitung“ ist keine einheitliche Sache. Die Bandbreite reicht von kaum merklich bis zur vollständigen Übergabe – und damit verschiebt sich auch die Frage, wie viel kreative Kontrolle man noch hat.

Im Grunde ist das Differenzieren zwischen generativer KI und zum Beispiel dem Entfernen eines Objekts natürlich Quatsch. Die KI entfernt ja nicht das Objekt, sondern sie generiert den Bereich neu, ohne das Objekt abzubilden. Rein technisch gesehen ist es also am Ende des Tages dasselbe. Im künstlerischen Aspekt lassen wir den Gedanken aber mal zu und betrachten es getrennt voneinander. Bleibt man im Bereich der Korrekturen und technischen Verbesserungen, sind wir uns sicher einig, dass man noch selbst der Erschaffende der Kunst ist. Ich entscheide, was passiert – die KI macht die Handarbeit. Beim Erweitern von Hintergründen oder dem Austauschen des Himmels bringe ich bereits Dinge ins Bild, die gar nicht da waren. Die kreative Richtung gebe ich vor, die KI füllt aus. Wesentlich weiter geht es beim Umgestalten kompletter Bilder per Prompt, oder dem Generieren ganzer Szenen. Hier werde ich mehr zum Dirigenten als zum Musiker – ich beschreibe was ich mir vorstelle, die KI setzt es um und schon ist ein Bild entstanden. Kein Shooting, kein Motiv, kein Licht, das ich gesetzt habe, kein Moment, den ich eingefangen habe, nur ein Prompt. Hier hat die KI das Ruder vollständig übernommen.

Was ist noch Kunst?

Bleiben wir mal bei einem Cosplay-Beispiel und nehmen etwas, was so ziemlich jeder kennt – Star Wars. Die beste Lösung für das fotografische Handwerk ist natürlich: eine echte Location suchen und alles selbst fotografieren! Meinen Recherchen zufolge ist die Chance, in NRW einen Sternenzerstörer, Kampfdroiden oder ähnliche Objekte zu finden, relativ gering. Welche Möglichkeit also übrig bleibt, wie so oft gesehen – wir ziehen den Joker „Außenmission“. Im richtigen Blickwinkel, mit der richtigen Tiefenunschärfe und etwas Fantasie, wird aus einer beliebigen Location schnell ein Rebellenstützpunkt. Kein Mensch würde hier den künstlerischen Aspekt infrage stellen.

Aber wie sieht es aus, wenn wir etwas anderes wollen? Wenn ein Set bewusst im Studio entsteht, dort lediglich das Model vor einem grauen Studiohintergrund abgelichtet wird und der Rest aus Photoshop kommen soll? Als ich vor über zehn Jahren angefangen habe, wurde einfach ein Stockfoto gekauft, oder man hat stundenlang irgendwelche Datenbanken mit lizenzfreien Bildern durchforstet, bis man etwas Passendes gefunden hat. Alternativ kannte man vielleicht jemanden, oder war selbst in der Lage, eine Szene in einem 3D-Renderer wie Blender zu erstellen. Beides war vor KI völlig akzeptiert, niemand hat ernsthaft eine Kunst-Debatte darüber geführt, woher der Hintergrund stammt. Compositing galt – und das völlig zurecht – als eigene kreative Disziplin. Hat sich das plötzlich geändert?

Wer jetzt kurz darüber nachdenken muss, für den habe ich noch ein paar weitere äußerst interessante Fragen: Was ist, wenn der gekaufte Hintergrund aus einer KI stammt? Wie sieht es aus, wenn das Blender-Projekt mit gekauften 3D-Modellen zusammengeklickt wurde? Ist es ok, wenn mein Cousin dritten Grades im Technikmuseum einen Hintergrund fotografiert hat, ich das Model im Studio abgelichtet habe und die KI mir die Ebenen übereinanderlegt?

Ich glaube, an diesem Punkt findet man endlos viele Kombinationen, die man alle separat und vor allem unterschiedlich beurteilen könnte. Die Frage ist vielleicht viel mehr: Was möchte ich eigentlich sein? Fotograf? Retoucher? Gibt es vielleicht sogar so etwas wie den „KI-Künstler“?

Für mich selbst war es eigentlich immer klar – ich bin Bildbearbeiter. Fotos waren für mich immer Eingangsmaterial, und abseits vom natürlichen Portraitfoto liegt meine Vorliebe im Compositing selbst – dem Zusammenfügen, Einpassen, Beleuchten, Abstimmen. Licht und Schatten angleichen, den Charakter so in die Szene einbetten, dass er wirklich dort zu stehen scheint. Das ist handwerklich und kreativ anspruchsvoll, egal woher die einzelnen Elemente stammen. Und genau da liegt für mich die eigentliche Frage: nicht woher das Material kommt, sondern was man daraus macht. Wo eine kreative Vision steckt, wo Entscheidungen getroffen werden, wo jemand gestaltet – das ist für mich Kunst. Wo ein Prompt abgefeuert wird und das Ergebnis außerhalb meines Einflusses liegt, da nicht.

Fazit: Auseinandersetzen lohnt sich – egal wo man steht

Ich schreibe diesen Artikel nicht, um für oder gegen KI zu werben. Ich selbst stehe irgendwo in der Mitte: neugierig, aber kritisch; offen, aber mit klaren persönlichen Grenzen für meine eigene Arbeit.

Was ich aber sagen möchte: Egal wie man zu KI steht – es lohnt sich, hinzuschauen. Nicht um sich anzupassen, nicht um Bedenken zu begraben, sondern um sich eine fundierte Meinung zu bilden. Denn pauschale Ablehnung ohne Auseinandersetzung ist genauso wenig eine Antwort wie blindes Begeistertsein.

Und noch etwas: Wir stehen gerade erst am Anfang. Was KI heute kann, ist nicht das, was sie in zwei oder fünf Jahren können wird. Die Werkzeuge werden besser, die Fragen schwieriger, die Grenzen unschärfer und viele Arbeitsweisen werden sich verändern. Wer sich jetzt damit beschäftigt – kritisch, neugierig, mit dem eigenen künstlerischen Anspruch im Blick – wird diese Entwicklung besser beurteilen und nutzen können als jemand, der einfach wegschaut.

Offenheit gegenüber Neuem bedeutet ja nicht, alles gut zu finden. Es bedeutet nur, es zu verstehen.

Was denkst Du? Wo liegt Deine persönliche Grenze – und hast Du selbst schon Berührungspunkte mit KI? Schreib es mir gerne in die Kommentare oder melde Dich auf Social Media – ich bin gespannt!

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